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Vorbemerkung: Ich bin seit über 20 Jahren Lehrbeauftragter für Marketing und Kommunikation an verschiedenen deutschen Universitäten und wundere mich über den Zulauf zu meinen Vorlesungen, fast ausnahmslos mit der Begründung: „Sie haben Praxisbezug“.

Ein BWL-Student der Universität St. Gallen, der kürzlich einige Wochen als Gast bei uns im Haus wohnte, sagte mir, er hätte bei den Praktika, die er inzwischen machte, mit dem Wissen, das ihm in der Bachelorausbildung vermittelt wurde, nichts anfangen können. Erst im Masterstudium hätte er für die berufliche Praxis nützliche Inhalte gelernt.

Was ist mit all den Studierenden, die weder einen Referenten aus Praxis hören konnte, noch Zeit und Geld für ein Masterstudium haben? Sie müssen zumeist noch einmal neu anfangen. Und zwar im Beruf.

Dabei ist aber nicht nur der fehlende Praxisbezug zu den eigentlichen Aufgaben des Berufs das größte Handikap, sondern die Wissenslücke darüber, wie Wirtschaft funktioniert, wie Unternehmen geführt werden und worauf es ankommt, um beruflich erfolgreich zu sein.

Ein früher Praxisbezug im Studium würde Studierenden helfen, Hemmschwellen und Berührungsängste zum zukünftigen Beruf zu überwinden und den Einstieg in eine erste berufliche Tätigkeit zu erleichtern. Auch für den potentiellen Arbeitgeber sind Studierende mit Praxiserfahrung deutlich attraktiver.

Es stellt sich die Frage, warum viele Universitäten so theoriebezogen sind und wenig Bereitschaft zeigen, dies zu verändern. Es ist sicher zum Teil ein Stück akademische Hybris, weil eine Vielzahl von Professoren von ihren wissenschaftlichen Forschungsprojekten geprägt sind, wodurch die Lehre manchmal ein wenig ins Hintertreffen gerät. Auch gibt es Professoren, die sich bewusst von der realen Welt abgrenzen wollen. Das führt auch oft dazu, dass volkswirtschaftliche oder betriebswirtschaftliche Modelle, die im wissenschaftlichen Umfeld gelobt werden, bei der Hinzufügung von Parametern aus der wirtschaftlichen oder politischen Praxis rasch ihren Nutzen verlieren.

Wenn man staatliche Universitäten und Fachhochschulen vergleicht, stellt man schnell fest, dass Fachhochschulen gerade deshalb in jüngerer Vergangenheit an Attraktivität und Zulauf gewonnen haben, weil die Ausbildung zu einem erheblichen Teil von Professoren und Lehrbeauftragten bestritten wird, die aus der beruflichen Praxis kommen. Ihr Anliegen ist darauf ausgerichtet, die jungen Menschen fit für Ihren Beruf zu machen.

Nun kann die Antwort auf die Frage, was „besser“ sei, nicht lauten, die Fachhochschule, denn der Praxisbezug ohne wissenschaftlichen Hintergrund kann schnell in die Leere laufen. Was man aber fordern kann, dass sich staatliche Universitäten, insbesondere solche, die sich auf Volks- und Betriebswirtschaft konzentrieren, gezielter um Praktiker als Lehrbeauftragte bemühen sollten und auch ihre Anzahl deutlich erhöhen, damit auch akademischen Studien sich nicht zu weit von der Praxis entfernen.

 

Prof. Alexander Demuth, Lehrbeauftragter im Bereich Marketing der Wirtschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt

 

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One Comment

  • Nora sagt:

    Ich bin seit diesem Sommer mit meinem Bachelor fertig und kann ehrlich sagen, dass Praxisbezug in meinem Studium komplett untergegangen ist.
    Muss jetzt erstmal Praktika machen, weil jeder Arbeitgeber Berufserfahrung will…

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